15. Kritische Leserstimmen

Leserkommentare

Contra

1. Was bildet sich der Autor dieser Streitschrift gegen die Katholische Kirche eigentlich ein? Mit welchem Recht glaubt er eine Kirche, der weltweit etwa 1,5 Milliarden Menschen angehören, wegen pauschaler und teilweise weit übertriebener Verfehlungen einzelner Personen, die auch keine wahren Christen waren, angreifen und verurteilen zu können.

Was weiss er schon von einer Glaubenslehre, zu der sich in der westlichen Welt seit nahezu zwei Jahrtausenden viele große Geister bekannt haben und die die Menschheit bis in die heutige Zeit bewegt. Wie kann er sich als Ungläubiger überhaupt ein Urteil über eine Lehre anmaßen, die auf heiligen, von Gott den Menschen offenbarten Quellen beruht und nur von Menschen verstanden werden kann, die bereit sind, der Allmacht Gottes und seiner Güte in Demut zu vertrauen?

Meine Antwort lautet:

Ich verstehe Gläubige, die so denken. Für Menschen, die in einer Gesellschaft mit einer fast zwei Jahrtausend währenden christlichen Tradition aufgewachsen sind, ist dieser Glaube häufig ein identitätsstiftender untrennbarer Teil ihrer Persönlichkeit, den sie gegen jede Kritik, ohne auf die vorgetragenen Argumente einzugehen, energisch verteidigen.

Mit ihrer Meinung Recht haben können allerdings nur diejenigen Teilnehmer an einem kontroversen Diskurs, die sich auch in Glaubensangelegenheiten an Fakten halten, keine widersprüchlichen oder gegen die Denkgesetze verstoßenden Aussagen treffen und sich nicht mit offenkundigen Torheiten in Widerspruch setzen zu dem, was uns heute die Naturwissenschaften an gesicherten Erkenntnissen vermitteln.

Wer diesen Aussagen zustimmt, muss sich den hier vorgetragenen Kritikpunkten dezidiert stellen, ansonsten verliert er jedes Maß an Glaubwürdigkeit.

Wer meint, es reiche aus, seinen Glauben damit zu verteidigen, dass er auf die weltweit grosse Anhängerschaft der KK, unter denen sich offenkundig nicht wenige hoch gebildete Persönlichkeiten und namhafte Denker befinden, hinweist, verfehlt bei mir die erhoffte Wirkung, da im Diskurs nicht zählt, wer oder wie viele Menschen etwas für wahr halten, sondern wie gut die jeweils eigene Sichtweise begründet ist.

2. Einige meiner Kritiker meinen, meine Schrift damit abtun zu können, dass vieles – wenn nicht sogar alles – von dem, was ich schreibe, seit langem bekannt sei. Sie wollen damit wohl zum Ausdruck bringen, dass die vorgetragenen Kritikpunkte längst von der KK thematisiert und entweder zurückgewiesen oder entkräftet worden seien und sich damit längst erledigt hätten.

Ja, das wäre sicher im Sinne der Kirchenoberen, die alles tun, um einer dezidierten sachlichen Auseinandersetzung mit fundierter Kritik aus dem Weg zu gehen, weil sie das sicher in große Verlegenheit bringen würde.

Zunächst einmal gilt es festzustellen, dass weder von einer Aufarbeitung der hoch kriminalitätsbelasteten Geschichte der Katholischen Kirche noch von einem Eingehen auf die Kritik an einzelnen ihrer Lehrinhalte bzw. an den innerkirchlichen Strukturen die Rede sein kann. Dazu habe ich mich in meinem Buch ausführlich geäußert. Dort habe ich auch darauf hingewiesen, dass die KK sich selbst Fesseln angelegt hat, die es ihr um der Wahrung der Glaubenseinheit willen nicht erlauben, Inhalte ihrer religiösen Lehre (und den daraus abgeleiteten moralisch-ethischen Anschauungen) infrage zu stellen. Dasselbe gilt auch für ihre verfestigten patriarchalischen und autoritären innerkirchlichen Strukturen.

Die breite Kritik an der KK ist daher – wie auch die extrem hohe Zahl der Austritte von Gläubigen aus der KK für jedermann deutlich macht – unbestreitbar hoch aktuell und absolut notwendig.

3. Dem Autor sei vorzuhalten, dass er mit keinem Wort anerkenne, welche Bedeutung der christliche Glauben für viele Menschen hat, indem er ihnen Halt und Zuversicht gibt und ihnen hilft, das ihnen zugedachte Leid in der Welt in der Hoffnung auf ein paradiesisches Jenseits leichter zu ertragen.

Dieser Kritik halte ich folg. entgegen:

Ich bestreite nicht, dass tiefgläubige Menschen im christlichen Glauben all‘ das finden können, was ihnen im Leben Halt und Orientierung gibt. Das ändert aber nichts daran, dass dieser Glaube auf „Sand gebaut“ ist und Gläubige in einer Traumwelt leben, die mit den Realitäten dieser Welt nichts zu tun hat. Dazu habe ich mich in meinem Buch ausführlich geäußert.

4. Einige Leser werfen mir vor, meine Kritik sei ein bösartiger – ketzerischer – und verleumderischer Angriff auf die Katholische Kirche. Dem Autor sei nicht an einer fairen Auseinandersetzung mit der KK gelegen, sondern er unternehme alles, um die KK in schlechtem Licht erscheinen zu lassen. Völlig unerwähnt blieben daher alle Fakten und Aspekte, die den christlichen Glauben als höchst wirkmächtige positive Kraft für die Entwicklung der Menschheit würdigen und der Rolle, die die KK dabei spielt, gerecht werden.

Den Vorwurf weise ich zurück. Ein Kernpunkt meiner Kritik betrifft die Frage, inwieweit sich das von der KK im Zentrum ihrer Lehre stehende Bekenntnis zur allgemeinen Nächstenliebe nicht angesichts der ungeheuerlichen Kriminalitätsgeschichte der Katholischen Kirche als utopische ethische Maxime erwiesen hat, die sie nicht davor bewahrt hat, über viele Jahrhunderte unzählige schlimme Verbrechen – Verfolgung, Unterdrückung, Folter und grausame Tötung von Menschen – zu begehen oder auf andere Weise mitzuverantworten hat. Der christliche Glaube mit seinen teilweise hehren ethisch-moralischen Anforderungen an das Leben der Menschen ist damit für billig und gerecht denkende Menschen nachhaltig in Misskredit geraten. Da gibt es nichts zu beschönigen.

Ich schließe mich jedenfalls einer Bewertung an, wie sie in einem Zitat des amerikanischen Philosophen Daniel Dennett zum Ausdruck kommt:

„Man kann nicht mit allˋdem Guten werben, das die eigene Religion bewirkt, ohne vorher gewissenhaft all‘ den Schaden abzuziehen, den sie anrichtet, und ernsthaft die Frage zu prüfen, ob eine andere Religion oder gar keine Religion besser ist.“

Zu guter Letzt möchte ich jedoch bei aller Kritik, die ich in meinem Buch übe, noch eins klarstellen: Ich bestreite nicht, dass der christliche Glaube es in mancher Hinsicht auch verdient, als eine für die Entwicklung der Menschheit bedeutsame Kraft wahrgenommen zu werden. Dafür, dass einzelne ethisch-moralische christliche Botschaften der KK tief im Bewusstsein der Menschen verankert sind und bleiben, sorgen allerdings bereits in Überfülle kirchliche Verteidiger des christlichen Glaubens, die ausnahmslos nicht bereit sind, die nicht zu leugnenden gravierenden Irrtümer und Schattenseiten dieser Lehre und die Mängel der sie verkündende Institution selbstkritisch ungeschönt anzusprechen und eine offene Diskussion darüber zu führen, wie mit dieser Kritik umzugehen ist und welche Schlussfolgerungen ggf. zu ziehen sind.

Was passiert, wenn sich die Katholische Kirche einem Prozess der kritischen Selbstvergewisserung entzieht, zeigt das Verhalten der Gläubigen, die der Kirche in Deutschland millionenfach den Rücken kehren. Auf die Empfehlung der Bertelsmannstiftung an die KK, die ich unter Ziff. 10 wiedergegeben habe, nehme ich Bezug.

Veröffentlicht von Jürgen Lipki

Jürgen Lipki, Pensionär Jurist, vormals Leiter einer Jugendstrafanstalt in NRW

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